Das Europäische Laienforum verdankt seine Entwicklung zwei starken Wurzeln:

  • einmal der im II. Vat. Konzil wieder neu bewusst gemachten Bedeutung von Taufe und Firmung für ein glaubwürdiges christliches Leben und die christliche Sendung aller Getauften in der jeweiligen Zeit,
  • und dem Zusammenwachsen der europäischen Länder nach den furchtbaren Erfahrungen und Folgen des 2. Weltkriegs  – zunächst im Westen, dann vor allem nach 1989 auch Gesamteuropa betreffend.

So war es nur folgerichtig, dass sich diese beiden Wurzeln ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts aufeinander zu bewegten und auch zum gegenseitigen Wachstum anregten, was bis auf den heutigen Tag einer fortwährenden weiteren Stärkung bedarf.  

Schon seit dem 19. Jh. gab es in einigen europäischen Ländern Zusammenschlüsse und Aktivitäten, in denen Laien in Eigeninitiative aufgrund ihrer christlichen Berufung danach suchten, das gesellschaftliche und kirchliche Handeln aktiv mit zu gestalten. Doch erst durch das sich im II. Vatik. Konzil wandelnde Kirchenverständnis wurde dieses Handeln verstärkt: „Das Apostolat der Laien ist Teilnahme an der Heilssendung der Kirche selbst. Zu diesem Apostolat werden alle vom Herrn selbst durch Taufe und Firmung bestellt“ (Lumen Gentium 33). Laienarbeit ist demnach nicht mehr abhän-gig vom Auftrag der kirchlichen Hierarchie, sondern Ausdruck der je eigenen Berufung getaufter Christen. Die Impulse des Konzils – vor allem in der dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lu-men gentium) und im Dekret über das Laienapostolat (Apostolicam actuositatem) – zur Teilhabe der Laien an der ganzen Sendung der Kirche wurden in den verschiedenen Ländern Europas auf unterschiedliche Weise aufgegriffen, je nach den konkreten Gegebenheiten und dem jeweiligen Entwicklungsstand bzw. der Ausgestaltung der Laienarbeit.

Schon im Vorfeld des Konzils fand 1960 in Kopenhagen ein „Erster Europäischer Kongress des Laienapostolats“ statt, einberufen von kirchenamtlicher Seite. Seine besondere Bedeutung bestand darin, die jeweils unterschiedliche Situation der katholischen Kirche in den verschiedenen Ländern Westeuropas kennenzulernen. Das zuständige Komitee zur Vorbereitung dieses Kongresses hatte den Auftrag, Vorschläge zu erarbeiten für verbesserte Kontakte zwischen den Laienvertretungen der einzelnen Länder, um damit das europäische Bewusstsein zu stärken.

Auch auf Weltebene fanden Laienkongresse statt: so hatte der Hl. Stuhl bereits 1951 und 1957 nach Rom eingeladen. 1967 folgte ein dritter Weltlaienkongress, in dessen Vorbereitungsphase1 die Überlegungen und Entscheidungen zur Gründung des Europäischen Laienforums konkrete Formen annahmen. So konnte sich 1970 erstmals eine Versammlung von Vertretern und Vertreterinnen aus nationalen Laienkomitees und –räten zu einer Studienversammlung in Innsbruck/Österreich treffen, die unter dem Thema stand „Die Hoffnung als Kraft für die Christen, Aufforderung zum Engagement und zur Teilnahme am Aufbau der Gemeinschaft“. Ausdrücklich griff dieses Thema die wichtigen Impulse des Konzils auf: die Berufung der Laien ist die Wurzel für deren engagiertes Handeln in Kirche und Gesellschaft. Von nun an finden bis in die heutige Zeit alle zwei Jahre Studienversammlungen zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen statt.2 Ihre Aufgabe ist die Förderung von Dialog und Diskussionen unter den nationalen Komitees, mit dem Ziel, die Verschiedenheiten wahrzunehmen und kennenzulernen und in gemeinsamer Verantwortung zu einem Handeln zu finden, das der christlichen Sendung als Laien in Gesellschaft und in Kirche gerecht wird. Neben der Studienversammlung, die immer auch beeinflusst war durch die konkrete kirchliche und gesellschaftliche Situation des jeweils gastgebenden Landes, findet die Statutenversammlung statt, in der die allgemeine Ausrichtung sowie die Ziele und Aufgaben des Forums festzulegen sind und die Leitungsfunktionen des Forums durch Wahlen zu besetzen sind.3 Bei Betrachtung der Themen der bisherigen 22 Studientagungen zwischen 1970 und 2012 ist festzustellen, dass sich ein ausgewogener Wechsel findet zwischen Themen, die einerseits die kirchliche Verantwortung der Laien aufgreifen und andererseits deren gesellschaftliches Engagement als Christinnen und Christen.

Von Beginn an wurde neben dem Schwerpunkt des inhaltlichen Teils auch immer darum gerungen, eine Form der Zusammenarbeit zu finden, die die Gemeinsamkeit stärkt ohne die Unterschiedlichkeiten der einzelnen Mitgliedsländer aus dem Auge zu lassen. So wurden die Statuten bis in die jetzige Zeit regelmäßig weiter entwickelt, um einerseits ein geordnetes Zusammenspiel der verschiedenen Mitglieder zu ermöglichen und um andererseits die formalen Regelungen nicht zu stark in den Vordergrund treten zu lassen. Zunächst stand an der Spitze des Forums ein ‚Verbindungskomitee’, bestehend aus sieben Mitgliedern aus den verschiedenen Nationalkomitees. Heute ist es der Lenkungsausschuss, mit dem Präsidenten/der Präsidentin an der Spitze. Zuletzt wurde – um die finanziellen Verantwortlichkeiten von den Schultern eines/r einzelnen Schatzmeisters/Schatzmeisterin zu nehmen – 2011 ein eigener Rechtsträger, ein zivilrechtlicher, gemeinnütziger Verein, gegründet, der dem deutschen Vereinsrecht zugeordnet ist. Damit ist zugleich der Status einer Nichtregierungsorganisation (NGO) gegeben, was die Möglichkeit eröffnet, gegenüber Einrichtungen der europäischen Politik offizielle Funktionen wahrnehmen zu können (z.B. Beraterstatuts beim Europarat). Doch dies zu erreichen, ist eine Aufgabe für die Zukunft.     

Mit der politischen Wende Ende der achtziger Jahre und zu Beginn der neunziger Jahre begann Europa sein Gesicht zu verändern. Dies galt nicht nur für das politische Leben, sondern auch für das kirchliche. Für die Länder Mittel- und Osteuropas führten die Öffnung der Grenzen und die veränder-ten  politischen Konstellationen zu neuen Möglichkeiten zivilgesellschaftlichen Handelns, aber auch zu einschneidenden neuen Sichtweisen und Aktivitäten religiösen und kirchlichen Lebens. Für das Europäische Laienforum bedeutete dies auch einen Zuwachs an neuen Mitgliedern, der alle – die bisherigen und die neuen – vor Herausforderungen stellte. Verschiedenheiten im Staat-Kirche-Verhältnis, je eigene Erfahrungen in mögliche Einflussnahme auf gesellschaftspolitische Entscheidungen und Abläufe, Unterschiede in den Strukturen der Laienarbeit und im Verhältnis von Laien und hierarchisch geprägtem Kirchenaufbau trugen dazu bei, dass das Bild des Laienforums sehr viel bunter wurde. Damit wuchs auch die Aufgabe, die Einheit in der Verschiedenheit zu suchen. Gab es bisher aufgrund der jeweiligen kirchlichen Situation und dem Selbstverständnis der Laienarbeit schon Unterschiede zwischen den nördlichen und südlichen Ländern Europas, so wurden diese noch zahlreicher durch den Zuwachs mittel- und osteuropäischer Mitglieder. Als gemeinsame Aufgabe – so spiegeln es die Themen der Studienversammlungen wider4 -  sahen es die Mitglieder des Europäischen Laienforums an, den Blick auf die Werte zu richten, denen sich ein neues Europa verpflichten sollte, um als Laien dem Evangelium und der christlichen Sendung gerecht zu werden. Studientagungen in mitteleuropäischen Ländern5 trugen dazu bei, das Kennenlernen zu fördern und Gemeinsamkeiten zu stärken. 2012 fuhr der Lenkungsausschuss zu seinem Herbsttreffen nach Minsk.

Heute, 2014, sind nationale Laienorganisationen/-komitees aus 19 europäischen Ländern Mitglieder im  Europäischen Laienforum. Mit Laienorganisationen weiterer Länder steht der Lenkungsausschuss in Kontakt, um deren Mitgliedschaft zu erreichen. Eine erste Stufe der Zusammenarbeit kann auch ein Beobachterstatus sein6, damit wir dem Ziel näher kommen, als Laien in der Kirche Europas der eigenen Berufung zu folgen7.

Neben der Europainitiative der Laien gab es auch bischöfliche Aktivitäten: Schon gegen Ende des II. Vatikanischen Konzils hatten verschiedene europäische Bischöfe über eine weitere europäische Zusammenarbeit in pastoralen Bereichen beraten. Die Entwicklung führte zur Gründung der Konferenz der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) im März 1971. Daneben beobachteten Bischöfe sehr aufmerksam die politische Entwicklung der europäischen Einigung. Die ersten Direktwahlen zum Europäischen Parlament gaben schließlich den Anstoß, 1980 eine Kommission der Bischofskonferenzen der europäischen Union (COMECE) mit Sitz in Brüssel zu gründen mit dem Ziel, die politischen Entwicklungen in der Europäischen Union zu beobachten, innerhalb der Kirche darüber zu informieren und auf der Grundlage der christlichen Soziallehre die Herausforderungen eines vereinten Europas zu fördern. 1974 suchten der neu gegründete Päpstliche Rat für die Laien – leider war es kein Rat der Laien geworden – und der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) die Zusammenarbeit mit dem Laienforum. Der Lenkungsausschuss ist bemüht, regelmäßige Kontakte zum Laienrat zu halten. Die Zusammenarbeit mit dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen ist noch ausbaufähig. Dagegen besteht seit 1984 ein guter Austausch mit der Europäischen Konferenz der Priester (CCPE) und der Union der Europäischen Konferenzen der Höheren Ordensoberen/innen (UCESM). Die regelmäßige gegenseitige Teilnahme an den jeweiligen Jahresversammlungen dieser drei Vereinigungen trägt dazu bei, dass die Kirche in einer sich gegenseitig stützenden Zusammenarbeit ihrer europäischen Aufgabe gerecht werden kann und sich gemeinsame Perspektiven entwickeln lassen. Beim deutschen Katholikentag 2014 in Regensburg gibt es erstmals einen gemeinsamen Auftritt von ELF, CCPE und UCESM. Auch bei den Katholikentagen 2006 in Saarbrücken und 2012 in Mannheim erfuhr das ELF wichtige Impulse durch den deutschen Laienkatholizismus. 

Bedingt durch politische und wirtschaftliche Entwicklungen wird der europäische Zusammenhalt von Krisen geschüttelt. Besonders wir Christen im ELF sind herausgefordert, die kulturellen und sozialen Werte zum Tragen kommen zu lassen.  

Januar 2014
Magdalena Bogner


Wertvolle Hinweise zur Geschichte des ELF sind den Publikationen von Paul Becher zu entnehmen:

  • Becher, Paul, Katholische Laienarbeit in Europa. Chancen, Aufgaben und Probleme, in: CIVITAS - Jahrbuch für Sozialwissenschaften, Bd. XVI, 1978, S.233-247
  • Becher Paul, Katholische Laienarbeit in Europa vor neuen Herausforderungen, in: Haungs, Peter u.a., Widmungen für Bernhard Vogel zum 60. Geburtstag, Paderborn 1992, S.301-314


  1. Vorbereitungstreffen 1967 in Österreich und 1968 in der Schweiz
  2. Eine Übersicht über Orte und Themen aller Studienversammlungen findet sich unter „Studienversammlungen“.
  3. Vgl. Statuten des ELF
  4. Z.B. in Fatima 2004: „Die spirituellen und ethischen Wurzeln unseres Engagements in den europäischen Gesellschaften“ oder in Slowenien 1994: „Die christliche Vision der Solidarität – Herausforderung für das soziale und wirtschaftliche System in Ost- und Westeuropa“
  5. 1985 in Zagreb, 1994 in Ljubljana, 1998 und 2008 in Bratislava
  6. Derzeit Frankreich mit „Comité des baptisé-e-s francophone“.
  7. Z.B. nennt Papst Johannes Paul II. in ‚Christifideles laici’ 1988 besonders das Engagement in der Politik, die Verantwortung in der Wirtschaft, die Sorge um die Bewahrung der Schöpfung, die Evangelisierung im Bereich der Kultur, der Bildung und Erziehung sowie der Kommunikationsmittel als besondere Aufgabe der Laien.